Aktuelles Krankenversicherung -

Informationen über Versicherungen, Bankprodukte und Steuertipps

Krankenversicherung

Behandlung für Patienten ohne Krankenversicherung

25.05.09

Geschätzte 200.000 Menschen in Deutschland haben keine Krankenversicherung. Doch die Dunkelziffer ist laut Experten weitaus höher. Für sie bedeutet Kranksein nicht selten ein besonderes Martyrium. Ein Erfahrungsbericht.

Ein einziges Mal ging Lenka Chumchalova in eine deutsche Klinik, als sie krank war. "Das war zu teuer", sagt die zierliche Tschechin leise. Die 27-Jährige hat keine Krankenversicherung. Seit zwei Jahren lebt sie in Deutschland und verdient ihren Lebensunterhalt als Prostituierte. Nun glaubt sie, dass sie schwanger ist.

Nervös sitzt die Frau im Wartezimmer und lässt den Blick unruhig im Raum umherschweifen. Mit ihrem Anliegen hat sich Chumchalova diesmal an die Malteser Migranten Medizin gewandt. Die Praxis bietet kostenlose medizinische Versorgung für Menschen ohne Versicherung.

Die Stuttgarter Praxis wurde nach einer Anlaufphase vor rund einem Monat offiziell eingeweiht. Es ist die bundesweit elfte Einrichtung ihrer Art, die erste in Baden-Württemberg. "Wir sind sozusagen der Hausarzt" für Patienten ohne Krankenversicherung, sagt der Leiter der Stuttgarter Malteser Migranten Medizin, Alexander Baur. Vier Allgemeinmediziner untersuchen in der wöchentlichen Sprechstunde ehrenamtlich die Patienten. Überwiegend kommen bislang Osteuropäer, zudem Ausländer ohne gültigen Aufenthaltsstatus. Auf Wunsch behandeln die Mediziner die Patienten anonym. Einen großen Anteil der Patienten machen Schwangere aus.

"Wir haben bereits sechs Frauen bis zur Geburt begleitet", sagt Baur nicht ohne Stolz, 13 weitere Schwangere seien derzeit in Behandlung. Die Praxis leistet Erstversorgung. Eine umfassende Versorgung ist durch eine enge Zusammenarbeit mit dem benachbarten Marienhospital möglich. Sind Untersuchungen oder Therapien erforderlich, die die Mediziner der Malteser Migranten Medizin etwa wegen der dafür erforderlichen Geräte nicht leisten können, behandeln die Ärzte drüben im Krankenhaus die Patienten kostenlos weiter.

"Die rutschen durch alle Lücken im Netz"

Lediglich die Sachkosten stellt die Klinik den Maltesern in Rechnung. Monatlich kosten die Behandlungen laut Baur rund 4000 Euro, die aus Spenden finanziert werden. Die Praxisräume stellt das Marienhospital kostenlos zur Verfügung. Sie ist Anlaufstelle für viele Patienten, die "schlimme Schicksale" haben, berichtet Margarethe Mohn, eine der vier ehrenamtlich tätigen Ärzte bei der Malteser Migranten Medizin. Die Ärztin im Ruhestand erzählt von Menschen, die "absolut ohne jeden Rückhalt" durchs Leben gehen. Die hohe Zahl von Patienten ohne Versicherung habe sie sehr überrascht. "Die rutschen so durch alle Lücken im Netz." Einer ihrer Patienten lebe seit 1993 ohne Papiere und ohne Krankenversicherung in Deutschland. "Das ist für mich unbegreiflich", sagt Mohn kopfschüttelnd.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts leben rund 200.000 Menschen in Deutschland ohne Krankenversicherung. "Die Dunkelziffer ist aber deutlich höher", ist Baur überzeugt. Mohn behandelt bei der Migranten Medizin ein "völlig anderes Klientel" als in ihrer ehemaligen Praxis. Wegen ihrer finanziellen Lage oder auch wegen des illegalen Aufenthalts in Deutschland hätten die Patienten oft "tiefe Ängste", die sich auch in Krankheiten ausdrückten, berichtet Mohn. Häufig beschrieben sie ihre Beschwerden wie einen Schmerz am ganzen Körper.

Kommen in der Sprechstunde psychische oder soziale Probleme ans Licht, vermitteln die Ärzte an andere Stellen weiter. Dank eines Netzwerks sozialer Einrichtungen stehen zahlreiche Ansprechpartner zur Verfügung, etwa die Migrationsberatung, Frauenhäuser oder Suchtberatung. Die Aussicht auf weitere Hilfen im Falle einer Schwangerschaft brachte auch Chumchalova zu der Überzeugung, ihr Kind austragen zu wollen. Bei der Untersuchung stellt sich allerdings heraus, dass die Tschechin gar kein Baby erwartet. Nun schwankt sie zwischen Erleichterung und Bedauern. Eigentlich wollte sie gar kein Kind. "Eine Schwangerschaft hätte aber vieles für sie erleichtert", ist Baur überzeugt. Sie hätte Unterstützung erhalten und wohl ihren Job als Prostituierte aufgegeben.

ddp