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Kontaktloses Bezahlen verkürzt Wartezeiten

16.07.10

Kleine Einkäufe mit der Kreditkarte begleichen, aber ohne die PIN einzugeben - für die meisten Bankkunden klingt das noch nach Zukunft. Doch das kontaktlose Bezahlen verbreitet sich.

"Kontaktloses Bezahlen ist eines der spannendsten und wichtigsten Themen derzeit", sagt Mastercard-Pressesprecher Thorsten Klein euphorisch. Für den Kunden wird der kleine Einkauf bequemer, das lästige Kleingeld zählen entfällt. Der Handel braucht 15 bis 20 Prozent weniger Zeit beim Kassieren und macht mehr Umsatz im gleichen Zeitraum. Eine komplett neue Technik steckt dahinter und Kreditkarten-Unternehmen, Sparkassen und Banken forcieren derzeit den Aufbau des Systems.

Anders als bei einem herkömmlichen Terminal mit PIN-Eingabe wird die Karte beim kontaktlosen Bezahlen nicht in ein Gerät gesteckt. Einmal kurz mit dem Plastik am neuen Lesegerät vorbeigefahren, und mit einem Pieps ist der Kunde sein Geld los. Technisch funktioniert das wie mit RFID-Chips, die Logistikunternehmen an vielen Waren anbringen, um so deren Werdegang zu verfolgen. In die EC- oder Kreditkarte sind ein Chip und eine Antenne eingebettet. Dann muss der Kunden seine Karte nur noch direkt an das Lesegerät halten, das erzeugt einen Strom im Chip und der Datenaustausch beginnt. Nach der Übermittlung der Zahlungsinformationen an das Terminal wird die Zahlung direkt über das Netzwerk verarbeitet.

Geeignet für die kleine Rechnung

Allein beim Mastercard-System Paypass funktioniert das mittlerweile an über 230.000 Stellen weltweit. Im vergangenen Jahr kamen knapp 100.000 neu hinzu. Das Unternehmen hat mittlerweile 75 Millionen Karten ausgegeben, die die neue Technik beherrschen. Das Baguette im französischen Carrefour-Markt oder das Ticket für die New Yorker U-Bahn kann man damit bezahlen. In 32 Ländern weltweit kommt Paypass zum Einsatz, selbst in der Mongolei. In Deutschland rüstet zum Beispiel die Tankstellen-Kette Star ihre knapp 500 Filialen damit aus und in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena bezahlen die Fans ihr Bier kontaktlos. Dabei ist der Chip nicht an eine Karte gebunden. Im indischen Bangalore lief im vergangenen Jahr ein Pilotversuch, Handys für das schnelle System umzurüsten.

Kontaktloses Bezahlen eignet sich vor allem für den kleinen Einkauf, bei dem Kunden üblicherweise nicht extra eine PIN eingeben wollen – das Busticket, der Kaffee zwischendurch, der Parkschein. Die Summe pro Rechnung ist nämlich begrenzt – bei Mastercard meist auf 25 Euro, bei den Sparkassen, die 2011 in die Technik einsteigen, sind es 20 Euro. Der Grund leuchtet ein. Ohne PIN-Eingabe kann schließlich jeder – auch ein Dieb – die Karte einsetzen. Kaum veröffentlichten die Unternehmen ihre Pläne für das kontaktlose Bezahlen, herrschte schon unter Verbrauchern Verwirrung wegen der Sicherheit.

"Kunden sollten ihre Girokarte wie Bargeld behandeln. Wenn das gestohlen wird, ist es auch weg", sagt Stefan Marotzke, Pressesprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DGSV). Neben der Obergrenze pro Einkauf gebe es noch eine weitere Barriere für potenzielle Diebe. Es kann immer nur ein bestimmtes Guthaben für das kontaktlose Bezahlen auf die Karte aufgeladen und verbraucht werden.

Bei den Kreditkartenunternehmen gilt eigentlich keine solche Guthabenbeschränkung. Hier kommen die Technik und die derzeit verhältnismäßig geringe Verbreitung zu Hilfe. Wird mit einer Karte häufig in kurzer Zeit an einem Terminal bezahlt, dann schlägt das System Alarm und weist den Händler auf Unregelmäßigkeiten hin. Und einen flotten Einkaufsbummel im 25-Euro-Takt durch die gesamte Stadt werden Langfinger auch nicht unternehmen, weil dafür noch nicht genügend Akzeptanzstellen vorhanden sind.

Sicherheit: Maximal vier Zentimeter Abstand bis zum Lesegerät

Eine weitere Sorge war, dass kriminelle Banden sich die Lesegeräte beschaffen und damit durch die Stadt laufen. So könnten sie an Handtaschen von Passanten und Einkäufern vorbeischleichen und nebenbei überall Bezahlvorgänge auslösen. "Das funktioniert nicht. Genauso wenig wird man aus Versehen irgendwo im Vorbeigehen bezahlen", beruhigt Martin Jung, Pressesprecher von B+S, einem Dienstleister für Bezahlsysteme. Die Karte muss weniger als vier Zentimeter vor dem Lesegerät sein und es darf sich nichts dazwischen befinden. Auch Männer, die ihr dickes Portmonee in die ausgebeulte Gesäßtasche stecken, haben von diesem vermeintlichen Ganoven-Trick nichts zu befürchten. Stoff und Leder verhindern das Abbuchen.

Derzeit sind etwa eine Million Karten von Mastercard in Deutschland für Paypass einsetzbar. Daraus erwächst das alte Problem von Henne und Ei. Solange diese Zahl nicht rasant steigt, winken viele Händler ab, wenn es darum geht, sich ein weiteres Einkaufsterminal ins Geschäft zu stellen. Gibt es wiederum nicht genügend Akzeptanzstellen, fragen die Kunden die speziellen Karten nicht bei ihren Banken nach. Der Durchbruch könnte von anderer Seite kommen.

Die Sparkassen-Finanzgruppe verkündete kürzlich, das kontaktlose Bezahlen flächendeckend einführen zu wollen. Ab dem zweiten Halbjahr 2011 statten die Sparkassen schrittweise ihre rund 45 Millionen EC-Karten mit der neuen Technologie aus. Die Kunden laden in einer ersten Phase am Automaten ein begrenztes Guthaben bis etwa 100 Euro für die schnellen Einkäufe auf, so wie es bisher auch bei der Geldkarte üblich ist. In Zukunft könnte auch ein Abonnement zu Einsatz kommen, bei dem das Konto einmal monatlich aufgefüllt wird. Eine Hürde steht vor dem grenzenlosen Einkaufserlebnis: Das Bezahlsystem, an dem die Sparkassen derzeit arbeiten, ist nicht mit den schon aktiven Terminals kompatibel, die für Kreditkarten von Mastercard und Visa geeignet sind.

Von Toralf Richter