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Private Krankenversicherung

Unisex-Tarife: Wo es günstiger wird und wo die Prämien steigen

1.03.11

Ein Beschluss des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) wirbelt die Versicherungstarife kräftig durcheinander. Er hat Auswirkungen auf Lebensversicherungen, Rentenversicherungen, Krankenversicherungen und Kfz-Versicherungen.

Ab Dezember 2012 müssen die Versicherer in der Europäischen Union alle Versicherungstarife geschlechtsneutral kalkulieren. Männer und Frauen zahlen dieselben Beiträge, das bedeutet, wir schließen zukünftig so genannte Unisex-Tarife ab. Eigentlich galt die Regel in der ganzen EU seit 2007. Es gab jedoch eine Ausnahme. Wenn die einzelnen EU-Länder nachweisen konnten, dass die versicherungsmathematischen Daten, auf denen die Geschlechterunterschiede beruhen, hinreichend gesichert und aktuell sind, durfte der kleine Unterschied zwischen Männer und Frauen bei den Versicherungsprämien weiter bestehen.

Die Ausnahme entwickelte sich aber zur Regel, in Deutschland änderte sich zum Beispiel nichts. Als nun eine belgische Verbraucherschutzorganisation klagte, musste der EuGH in Luxemburg entscheiden. Der machte jetzt Schluss mit der Ausnahmeregelung. Die Entscheidung gilt grundsätzlich für alle Versicherungen, die nach dem 21. Dezember 2012 abgeschlossen werden. Bestehende Verträge sind nicht betroffen. Welche Auswirkungen die Entscheidung haben könnte:

Todesfallschutz für Familienväter geringfügig günstiger

Frauen leben länger. Ihre Sterblichkeit liegt in den Jahren niedriger, in denen man normalerweise seine Hinterbliebenen mit einer Risikolebensversicherung absichert. Folglich zahlen sie eine niedrigere Prämie, weil das Risiko für Gesellschaft geringer ist, das Geld auch wirklich im Todesfall auszahlen zu müssen. Ein 30-Jähriger zahlt als Nichtraucher für 200.000 Euro Todesfallschutz (20 Jahre Laufzeit) 112 Euro im Jahr beim günstigsten Versicherer im Vergleich von Aspect Online. Seine gleichaltrige Frau kommt nur auf einen Jahresbeitrag von 80 Euro. Bei einem einheitlichen Tarif sparen Männer, aber vermutlich nur recht wenig. Weil heute überwiegend Männer Risikolebensversicherungen abschließen, dürfte eine neue Prämie deutlich über dem Mittelwert aus den Tarifen beider Geschlechter liegen.

Rentenversicherung: Männer sollten jetzt noch abschließen


Im Rentenalter dreht sich der Vorteil. Bei einer privaten Rentenversicherung muss die Gesellschaft den Frauen länger ihre Monatsrente zahlen als den Männern, die durchschnittlich früher sterben. Eine 60-jährige Frau erhält eine monatliche Rente von 360 Euro, wenn sie heute 100.000 Euro in eine sofort beginnende Rentenversicherung einzahlt. Der gleichaltrige Mann bekommt 395 Euro. Die Zahlen beziehen sich auf den jeweils besten von rund 60 Anbietern im Vergleich der privaten Rentenversicherung von Aspect Online. Männer, die zukünftig einen Unisex-Tarif abschließen, erhalten eine vergleichsweise geringere Rente und sollten deshalb noch vor der Umstellung der Tarife abschließen.

Doch ob Frauen künftig auf eine Rente hoffen können, die einem Mittelwert aus beiden aktuellen Tarifen entspricht, bleibt fraglich. Teilweise dürfte das stattfinden, was die Versicherer Antiselektion nennen. Das bedeutet: Wer meint, dass ihm eine Versicherung nicht hilft, zum Beispiel weil sie einseitig überteuert ist, wird sie nicht mehr abschließen. Männer lassen sich in Zukunft vielleicht eher die Kapitalleistung aus ihrer Rentenversicherung auszahlen und investieren in einen individuellen Banksparplan, der, zumindest gefühlt, mehr Vorteile bringt.

Kfz-Versicherung wird für Frauen teurer

Männer verursachen teurere Autounfälle als Frauen. Deshalb zahlen sie höhere Prämien in der Kfz-Versicherung. Das gilt sogar, wenn man statistisch andere Einflussfaktoren herausrechnet, zum Beispiel, dass Frauen im Durchschnitt weniger fahren und andere Autos kaufen. Eine Auswertung von CARINDA, der Datenbank von Aspect Online für Kfz-Versicherungstarife, ergab einen Nachteil von 6,2 Prozent für Männer. In der Vollkasko-Versicherung liegt der Unterschied sogar bei 11,6 Prozent. "Nach dem Urteil erwarten wir, dass die geschlechtseinheitlichen Tarife über dem Niveau der bisherigen Frauentarife liegen werden", so Wolfgang Schütz, Vorstand bei Aspect Online.

Krankenversicherung: Frauen dürfen auf Unisex-Tarife hoffen

Frauen verursachen höhere Krankheitskosten in den Jahren, in denen die Menschen am häufigsten in die private Krankenversicherung wechseln können. Das Verhältnis verschiebt sich zwar zum Rentenalter hin, trotzdem zahlen Frauen als Privatpatienten deutlich höhere Prämien. Sie dürfen also auf eine deutliche Erleichterung  dank der Unisex-Tarife hoffen.

Die Versicherungsbranche freundet sich nur ungern mit der neuen Regelung an. Der Branchenverband GDV spricht davon, dass ein zentrales Prinzip der privaten Versicherungswirtschaft, nämlich das Prinzip der Äquivalenz von Beitrag und Leistung, in Frage gestellt wird. Die Vermittlervereinigung BVK fürchtet sogar, dass sich Prämien verteuern werden.

Das hält der Bund der Versicherten jedoch für "Dampfplauderei". In einer Erklärung schreiben die Verbraucherschützer: "Die Versicherungsgesellschaft verteilt mit der Prämie lediglich den Schadenaufwand auf die einzelnen Versicherungsnehmer. Und da durch die Unisex-Tarife dieser Schadensaufwand nicht steigt, wird zwar der eine etwas weniger und der andere etwas mehr an Prämie zu zahlen haben; in der Summe aber werden die Prämien durchschnittlich eben gerade nicht steigen!"

Zähneknirschend hat die Deutsche Aktuarvereinigung, der Verband der Versicherungsmathematiker, die Entscheidung zur Kenntnis genommen. Man werde das Urteil prüfen und – wenn möglich – nach einer Lösung suchen, "die dem Richterspruch entspricht und trotzdem eine risikogerechte Tarifierung erlaubt."

Toralf Richter