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Zinssenkung: Die Lebensversicherung lebt weiter
3.02.11Die Versicherungsbranche diskutiert darüber, wie hoch der Minimalzins bei Kapitallebensversicherungen und Rentenversicherungen liegen darf. Die Regierung will eine stärkere Absenkung, dagegen wehren sich die Unternehmen.
Einmal im Jahr sagen die Versicherungsmathematiker der Politik, welche Regeln für die Garantien in Lebensversicherungen sinnvoll sind. Im Dezember gab die Deutsche Aktuarvereinigung dem Bundesfinanzministerium die Empfehlung, den zulässigen Höchstrechnungszins für Verträge, die nach dem Jahresbeginn 2012 anlaufen, von aktuell 2,25 Prozent auf zwei Prozent zu senken. Dahinter verbirgt sich die Garantie, mit der das Guthaben in einer Kapitallebensversicherung oder Rentenversicherung mindestens verzinst werden muss.
Doch die Politik will einen deutlicheren Schritt nach unten. Nach Medienberichten plant das Ministerium, den Zins sogar auf 1,75 Prozent senken – und zwar schon zur Mitte dieses Jahres. Das schmeckt den Versicherern nicht, denn mit einer eins vor dem Komma erscheinen die klassischen Lebensversicherungen weniger attraktiv und lassen sich schlechter verkaufen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft sagte gegenüber Versicherungsjournal.de, selbst eine moderate Absenkung auf zwei Prozent sei erst für 2013 geboten.
Was bedeutet der Garantiezins für Kunden? Er ist der Sicherheitsanker. Diese Rendite gibt es mindestens auf das Guthaben. Deshalb müssen die Lebensversicherer ihre Anlagepolitik konservativ ausrichten und zum Beispiel zum großen Teil Anleihen mit bester Bonität und durch Immobilien besicherte Pfandbriefe kaufen. Zwischen 1995 und 2000 lag der Garantiezins bei vier Prozent. Diese jährliche Verzinszung ist für Kapitallebensversicherungen und klassische Rentenversicherungen aus dieser Zeit dauerhaft garantiert, auch wenn der Vertrag vierzig Jahre läuft.
2,25 oder 1,75 – ist das alles an Rendite? Bei weitem nicht. Gäbe es nur den Garantiezins allein, wäre die Lebensversicherung als Altersvorsorge nicht attraktiv. Tatsächlich erwirtschaften die Versicherer mit ihrer Kapitalanlage mehr Geld und schreiben es jährlich mit der so genannten Überschussbeteiligung den Guthaben der Versicherten gut. Diese Überschüsse belaufen sich branchenweit in diesem Jahr auf 4,08 Prozent, wie die Ratingagentur Assekurata in einer Studie festgestellt hat.
Außerdem legen die Gesellschaften noch einen Schlussüberschuss für das laufende Jahr fest, den der Kunde aber erst beim regulären Ende des Vertrages erhält und der bei vorzeitiger Kündigung entfällt. Drittens müssen die Gesellschaften ihre Kunden an Reserven beteiligen, die dann entstehen, wenn Geldanlagen einen höheren Wert erlangen, als er in den Büchern steht. Alles zusammengerechnet bringt es eine private Rentenversicherung 2011 im Durchschnitt auf eine Rendite von 4,95 Prozent. Dazu wertete Assekurata die Modellrechnungen für einen Mustervertrag aus, der auf den tatsächlich gutgeschriebenen Werten beruhte.
Das heißt: Kunden müssen sich wegen einer Absenkung des Garantiezinses weit weniger Sorgen machen, als manche Zeitungsmeldungen es suggerieren. Keine Lebensversicherung zahlt nur den heute gültigen Garanziezins an ihre Kunden aus.
Bekomme ich nun knapp fünf Prozent oder 2,25? Weder noch. Die Zahlen beziehen sich erstmal nur auf die Verzinsung des Guthabens der Kunden. Es landet aber längst nicht jeder Euro auch im Topf, in den ersten Jahren werden die Abschlusskosten – zum großen Teil die Provision der Vermittler – verrechnet und es fallen laufende Verwaltungskosten an. Steht die entscheidende Frage: Wie viel bekommt der Kunde bei einer Kapitallebensversicherung oder einer klassischen Rentenversicherung für jeden eingezahlten Euro zurück? Dafür ermittelt die Ratingagentur eine Beitragsrendite anhand von Modellrechnungen. Sie liegt im Branchendurchschnitt für das laufende Jahr bei 3,9 Prozent.
Wie schaffen die Lebensversicherer aktuell so eine hohe Rendite? Schaffen sie im Durchschnitt nicht. Sie erwirtschafteten auf alle Kundengelder mit der Anlage am Kapitalmarkt 2009 Jahr eine Nettorendite von 4,20 Prozent. Das war damals etwas weniger als die laufende Überschussbeteiligung. Gesellschaften, bei denen eine Lücke entstand, griffen dann in einen Topf mit Namen Rückstellungen für Beitragsrückerstattung (RfB). Das sind alle Gelder, die den Kunden als Gesamtheit, aber noch nicht individuell zustehen, und dort befinden sich auch Reserven für mehrere Jahre. So können schlechte Zeiten ausgeglichen werden.
In den RfB reservieren die Gesellschaften auch häufig einen Teil für die Schlussüberschüsse. Da sie aber nur den jeweils auslaufenden Verträgen zu Gute kommen, ist das Problem für die Versicherer nicht so akut.
Was ändert sich also durch den gesunkenen Garantiezins? Für die Versicherer ändert sich auf der einen Seite alles, auf der anderen Seite nicht viel. Wird der Zins gesenkt, müssen alle Tarife neu berechnet und mit einer sinkenden garantierten Rente kalkuliert werden. Ein Trend in der Branche, der die Rendite weg von den laufenden stärker hin zu den Schlussüberschüssen verschiebt, könnte sich dabei fortsetzen. Betroffen davon sind aber nur Kunden, die einen neuen Vertrag abschließen. Alle Garantien alter Verträge bleiben unverändert bestehen.
Andererseits müssen die Gesellschaften bei der Kapitalanlage gar nicht viel ändern. Sinkende Zinsen geben zwar mehr Freiheit, auch in chancenreichere und damit riskantere Geldanlagen wie Aktien zu investieren. Doch entscheidend dafür ist nicht, wo der aktuelle Höchstrechnungszins liegt, sondern wie hoch er im Durchschnitt aller laufenden Verträge ist. Und da spielen einige Neuverträge noch keine große Rolle.
Soll ich vor einer Absenkung noch schnell einen Vertrag abschließen? Ein Blick auf die Renditen von tatsächlich abgelaufenen Lebensversicherungen zeigt, dass die Beitragsrendite bei 20-jährigen Verträgen aktuell bei 4,88 Prozent liegt. Das ist eine solide Verzinsung weit über der Inflationsrate. Für sicherheitsbewusste Sparer sind die klassische Kapitallebensversicherung und die Rentenversicherung nach wie vor eine gute Altersvorsorge. Ob sie den Vertrag vor oder nach einer Absenkung abschließen, spielt keine entscheidende Rolle.
Also alles im Lot bei der Lebensversicherung? Die Branche hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Das zeigt die Beitragsrendite von 12-jährigen Verträgen, die derzeit ablaufen. Sie liegt laut Assekurata bei 3,75 Prozent, also deutlich unter den älteren Policen. Versicherer müssen viel Geld in sichere Anleihen anlegen. Im Umfeld niedriger Zinsen lässt sich damit nicht viel Rendite erwirtschaften. Das gilt aktuell umso mehr. Wenn das Zinsumfeld weiter am Boden bleibt, könnten einige Gesellschaften Mühe haben, die hohen Garantien aus alten Zeiten zu gewährleisten. "Es bleibt die Hoffnung, dass die Zinsen 2011 (langsam) wieder steigen, wie sich das bei den Sätzen für Bundespapiere bereits zeigt. Viele Marktbeobachter gehen von einem moderaten Zuwachs aus", schreibt die "Zeitschrift für Versicherungswesen" (02/2011).
Toralf Richter

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