Unsere Gesellschaft muss mit einem Märchen Schluss machen, dem Märchen vom Leistungsabfall der Älteren, dafür plädierte Wolfgang Flaßhoff, Vorstand der Huk Coburg, auf dem Nordbayerischen Versicherungstag am vergangenen Freitag. Nach Prognosen liege das Durchschnittsalter der Arbeitnehmer in 20 Jahren bei 53 Jahren. Heute erscheine das eher als das Höchstalter, so Flaßhoff. Die Strategie der Arbeitgeber und Betriebsräte, ältere Beschäftigte immer früher in den Ruhestand zu schicken, können wir uns nicht mehr leisten.
Der Branchentreff stand in diesem Jahr unter dem Motto “Demografie – Auf den Punkt gebracht!” und die fränkische Versicherungswirtschaft versammelte sich zum Stelldichein. Über 400 Teilnehmer – meist Vermittler und Mitarbeiter der vier großen ansässigen Versicherer Ergo Direkt, Huk Coburg, Nürnberger Versicherung und Universa – fanden sich im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Nürnberg ein.

Günther Beckstein (M.) ist Beiratsvorsitzender von Forum V. Hier bei der Präsentation des Versicherungsnetzwerkes zusammen mit Roland Fleck (Wirtschaftsreferent Nürnberg, links) und Walter Bockshecker (Vorstandsmitglied der Nürnberger, rechts). Foto: Toralf Richter
Bei einer Geburtenrate von 1,4 droht in den kommenden Jahren ein Facharbeitermangel. Die Situation werde noch durch die Migration verschärft, konstatierte Walter Bockshecker, Vorstand der Nürnberger Versicherung im einleitenden Pressegespräch. Es gehen mehrheitlich gut Qualifizierte und Einwanderer mit geringerer Ausbildung kommen. Für Unternehmen bedeute das, sie müssten attraktiver für Arbeitnehmer werden.
Aus dem Blickwinkel eines Versicherers verwies Bockshecker dabei auf die betriebliche Altersvorsorge, die von den Unternehmen noch stärker eingesetzt werden sollte. Eine solide Betriebsrente wichtig für die Mitarbeiterbindung. Die Schweiz, wo die Betriebsrente flächendeckend eingeführt ist, könnte als Vorbild gelten. Gesprächspartner aus der Eidgenossenschaft machen kein Hehl daraus, so der Nürnberger-Vorstand, dass sie mit ihren attraktiven Arbeitsbedingungen gern noch weitere gut ausgebildete Arbeitskräfte aus Deutschland gewinnen.
In den anschließenden Foren diskutierten hochrangige Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik über Themen des demografischen Wandels – unter ihnen der bayerische Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein und Ex-Familienministerin Renate Schmidt.
Versicherer ziehen bei der Ausbildung an einem Strang
Neben der Bevölkerungsentwicklung und den damit verbundenen Herausforderungen für die Versicherer ging es auch um ein Projekt, das die Branche in Nordbayern auf ihrem letzten Versicherungstag im vergangenen Jahr angeschoben hatte – Forum V (für “Versicherung”). Hier kooperieren die vier Versicherer aus Franken mit der FAU und der Hochschule Coburg und dem Berufsbildungswerk der Versicherungswirtschaft (BWV) Nordbayern-Thüringen.
Ziel ist es, Forschung und Lehre zu fördern und die Ergebnisse schneller in die Praxis zu transferieren. Dazu greifen die Versicherer auch in die Tasche und finanzieren neue Stellen 1:1 mit der öffentlichen Hand. Fünf Stellen wurden geschaffen, darunter zwei Professuren in Coburg. “Der starke personelle Ausbau ermöglichte gleichzeitig eine substanzielle Ausweitung der Versicherungslehre”, konstatierte Nadine Gatzert, Lehrstuhlinhaberin für Versicherungswirtschaft in Nürnberg und Vorsitzende von Forum V.
Nach einem Jahr Tätigkeit konnte Forum V bereits den Masterstudiengang FACT mit Schwerpunkt Finance & Insurance an der FAU etablieren, der sich mittlerweile Uni-intern zum größten im Bereich der Wirtschaftswissenschaften entwickelt hat. Die Coburger Hochschule bietet zum laufenden Wintersemester als erste in Deutschland einen berufsbegleitenden Bachelor Versicherungswirtschaft an.
Toralf Richter
