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Kaupthing-Chefvolkswirt: "Island war der Verlierer der Finanzkrise, Hedgefonds die Gewinner"

Veröffentlicht am 21. Oktober 2009

"Welches Land ist das nächste?": Für Kaupthing-Chefvolkswirt Ásgeir Jónsson haben internationale Spekulanten Island an den Rand des Bankrotts gebracht. Foto: Jónsson

"Welches Land ist das nächste?": Für Kaupthing-Chefvolkswirt Ásgeir Jónsson haben internationale Spekulanten Island an den Rand des Bankrotts gebracht. Foto: Jónsson

Es ist ein Finanz-Thriller sondergleichen: Die Kaupthing-Affäre hat Island an den Rand des Staatsbankrotts gebracht und Tausende Bankkunden in aller Welt schockiert. Lange mussten Sparer um ihr Geld bei Kaupthing bangen und ihre Wut entlud sich in wütenden und bisweilen tumultartigen Protesten. Die einst beliebte Bank, die sagenhafte 5,6 Prozent Zinsen auf das Tagesgeld zu ihren Spitzenzeiten bot, wurde über Nacht zum Hassobjekt. Island stand am Pranger. Doch immer zu Recht? Ásgeir Jónsson, Chefvolkswirt der Kaupthing-Bank, hat ein Buch über seinen Arbeitgeber und die Auswirkungen der Finanzkrise in Island geschrieben. Im Interview mit Aspect Online erhebt er schwere Vorwürfe gegen internationale Spekulanten und legt seine eigene Sicht der Dinge dar.

Aspect Online: Herr Jónsson, Sie schreiben, dass Island das wahre Opfer der Finanzkrise sei und internationale Spekulanten es fast geschafft hätten, ein entwickeltes Land in den Ruin zu treiben. Das müssen Sie uns erklären.

Jónsson: Island ist eine kleine Insel, hatte aber vor der Krise einen Bankensektor, der im Vergleich zum Land selber groß, aber im Vergleich zu ihren internationalen Gegenspielern klein war. Da sein Finanzsystem in sich geschlossen war, war es eine leichte Beute.

Aspect Online: Beute für wen?

Jónsson: Für eine Handvoll Hedgefonds. Die Attacke wurde schon 2006 von einem informellen Club aus 50 Hedgefonds ausgetüftelt, der über Drobny Global Advisers, ein Research-Unternehmen aus Kalifornien, organisiert wurde. Es gab dort die Empfehlung, die Krone und andere hochverzinsliche Währungen regelrecht “leerzuverkaufen”. Von einem Drobny-Mitglied, Hugh Hendry, Manager von Eclectica Asset Management, gibt es die Aussage in einem Monatsbericht, er habe 75 Prozent des Fondsvermögens für Leerverkäufe vor allem der Isländischen Krone eingesetzt. Er wolle als Mann berühmt werden, “der Island in den Bankrott trieb”.  Denken Sie nur an George Soros, der 1992 Ähnliches mit einer Wette gegen das britische Pfund geschafft hat. In Island spielten einige Hedgefonds so genanntes Double Play, indem sie gleichzeitig die Banken leerverkauften, andere attackierten das Land über die isländische Krone.  Später dann, kurz bevor Bear Stearns kollabierte, brach der isländische Währungsmarkt zusammen. Als Reaktion zogen ausländische Unternehmenskunden ihre Gelder ab.

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Ein Land in die Knie zu zwingen, dass war für manche ein “Egobooster”

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Aspect Online: Welches Motiv sollten die Hedgefonds denn gehabt haben?

Jónsson: Ein ganzes Land anstatt nur eine einzelne Firma in die Knie zu zwingen ist für manche Hedgefonds-Manager ein wahrer “Egobooster”. Trotzdem waren Hedgefonds letztendlich nicht die Hauptakteure im Absturz von Islands Banken.

Aspect Online: Was hat denn noch Kaupthings Schicksal besiegelt? Haben die drei isländischen Banken Glitnir, Landesbanki und eben Kaupthing nicht ihren Teil zum Kollaps beigetragen, indem sie groß ins internationale Spekulationsgeschäft eingestiegen waren?

Jónsson: Sicher ist, dass Island mit größeren Währungsreserven und Kreditlinien bei den großen Zentralbanken den systemweiten Banken Run hätte überstehen können, der nach dem Fall von Lehman Brothers einsetzte. Es ist vor allem diese US-Investmentbank im September 2008 gewesen, die durch ihren Kollaps isländische Banken mit in den Abgrund gerissen hat. Plötzlich überstiegen die Schulden von Kaupthing, Glitnir, die schon länger ein wandelnder Leichnam war, und Landsbanki, auf deren Online-Konten mit Namen wie “Icesave” oder “Kaupthing Edge” Hunderttausende Sparer ihr Geld in Island angelegt hatten, das isländische Bruttosozialprodukt um ein Vielfaches. Also waren unsere isländischen Banken binnen Kurzem zahlungsunfähig und wurden unter staatliche Aufsicht gestellt. Zuletzt die Kaupthing-Bank am 9. Oktober 2008. Zwar haben sich die isländische Zentralbank und die Regierung dagegen gewehrt, Verantwortung für die Banken zu übernehmen und mit der staatlichen Einlagensicherung auch ausländische Bankkunden zu schützen. Aber sie mussten dem Druck vor allem von Großbritanniens Regierung nachgeben. Denn die wandte zum ersten Mal seine Anti-Terror-Gesetze gegen ein eigentlich befreundetes Land an und hat in der so genannten “Landsbannki Freezing Order 2008″ sowohl staatliche als auch private Guthaben der skandinavischen Insel eingefroren. Island stimmte schließlich einem Plan zu, die Schulden der Banken zu begleichen und dafür Kredite von Internationalem Währungsfonds, der EU und nordischen Bruderländern aufzunehmen.

Aspect Online: Ein Kapitel in Ihrem Buch trägt den Titel “Der Untergang”…

Jónsson: Ja, und ich glaube, dass es genügend Beweise für die Inkompetenz der isländischen Behörden gibt sowie den rücksichtslosen Gebrauch von Macht. Der Zusammenbruch von Lehman und der stümperhafte Versuch, Glitnir zu verstaatlichen, hatten eine systemweite Krise ausgelöst, neben der alle früheren Traumata des Finanzsektors wie ein Kinderspiel wirkten. Es gab Panik. Vor allen Banken in Reykjavík bildeten sich Schlangen an Menschen, die ihre Konten leerräumten. Der Anblick älterer Frauen, die Plastiktüten voller Geldscheine nach Hause trugen, war keine Seltenheit. Im Ausland wurden frische Kronen gedruckt, aber es würde dauern, bis die in Island ankommen würden.

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“New Kaupthing hat gute Chancen”

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Aspect Online: Die Milliarden der Anleger, die bei den isländischen Banken und vor allem Kaupthing angelegt worden waren, kamen überwiegend aus Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland. Der Grund waren hohe Zinsen auf Tagesgeld-Konten. Nach dem Moratorium entlud sich die Wut vieler deutscher Sparer gegen Kaupthing, weil keiner wusste, was mit den eingefrorenen Konten passieren würde. Wessen Schuld ist es, dass so viele Monate der Unwissenheit und des Chaos’ ins Land gingen?

Jónsson: Von den zwölf Ländern, in denen Kaupthing tätig war, wurden die Kontoinhaber in Deutschland in der Tat erst viele Monate später ausgezahlt. Der Grund lag darin, dass die deutsche Regierung entschied, zusammen mit Großbritannien und Holland mit der isländischen Regierung zu verhandeln anstatt direkt mit Kaupthing in Kontakt zu treten. Damit wurde eine enorme Verzögerung bewirkt. Als man dann dachte, man hätte die Sache in trockenen Tüchern, wurden der DZ Bank Gelder zugewiesen, die eigentlich für deutsche Kaupthing-Kunden vorgesehen waren. Am Ende zimmerte man notdürftig eine Lösung zusammen, um weitere Verzögerungen zu vermeiden. Trotzdem: Es gab keinen Zweifel daran, dass das Geld ausbezahlt werden würde, da Kaupthing mehr als genügend Mittel hatte, um es an alle Anleger zu zahlen.

Aspect Online: Wie sieht die Zukunft von Kaupthing aus? Kann sich die Bank jemals von so einem Schock erholen?

Jónsson: Island erlitt sowohl eine Währungs- als auch eine Bankenkrise. Es stimmte schließlich einem Plan zu, die Schulden der Banken zu begleichen und dafür Kredite von Internationalem Währungsfonds, der EU und nordischen Bruderländern aufzunehmen. Die Aktivitäten von Kaupthing werden nun in einer neuen Bank gebündelt, die vorübergehend den Namen New Kaupthing trägt. Sie hat die Anlagen der alten Bank für einen fairen Wert übernommen. Wie eine Bank, die faule Kredite abgeschrieben hat und einen ausgeglichenen Haushalt hat, gibt es für New Kauthing gute Aussichten. Viel bessere sogar, als viele andere europäische Banken, die immer noch toxische Papiere in ihren Büchern haben. Aber es wird einige Zeit dauern, bis die isländische Wirtschaft sich nach der Krise erholt haben wird.

Aspect Online: Wird es demnächst wieder Angebote geben mit fünf Prozent und mehr auf Tagesgeld? Könnte sich die Geschichte wiederholen und das Kaupthing-Desaster an anderer Stelle stattfinden?

Jónsson: Der Kollaps, so wie er in Island stattgefunden hat, kann sich in jedem Land ereignen, das einen aufgeblähten Finanzsektor hat und nicht fähig ist, eine Reserve-Währung zu drucken und außerdem nicht von einer internationalen Zentralbank-Gemeinschaft unterstützt wird. Es gibt einen Witz in Großbritannien: Was ist der Unterschied zwischen Island und Irland? Antwort: Ein Buchstabe und sechs Monate. Es ist nämlich so, dass dem irischen Bankensystem vermutlich Ähnliches geblüht hätte wie dem isländischen. Irland aber hat den Euro, ist Mitglied der EU und erhält somit von ihr auch Unterstützung. Vor allem kleinere Länder mit großem Bankensektor und eigenen, singulären Währungen wie Großbritannien oder die Schweiz, könnten einen herben Abschwung erleben, wenn sich der Staub der Finanzkrise wieder gelegt hat.

Das Interview führte Christian Minaty


Buchtipp:

Ásgeir Jónsson: Der Fall Island
FinanzBuch Verlag, München 2009

2 Kommentare zu “Kaupthing-Chefvolkswirt: "Island war der Verlierer der Finanzkrise, Hedgefonds die Gewinner"”

  1. Gommeringer sagt:

    Warum wurden die Kaupthin Anleger von den Beamten der Bafin nicht rechtzeitig gewarnt? Ist es nicht so, daß diese Kneteempfänger sich in der Hängematte nicht bewegen wollten?


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  1. [...] Hinterher zeigten isländische Banker mit dem Finger auf die Gewinner-Banker (siehe aspect online). An Ursache und Folge ändert das nicht. Was können wir von unserem isländischen [...]

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