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Suzana S. – Eine Bankeninsiderin packt aus

Veröffentlicht am 26. Februar 2010

Die City, jener brodelnde Londoner Finanzkessel, hält die gefangen, die sich einmal hineinbegeben. Barbara Stcherbatcheff war eine der wenigen Frauen in der Macho-Welt des Investment-Banking. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, das eine Abrechnung sein soll. Doch trotz ihrer kritischen Distanz spürt der Leser die unheimliche Faszination, die sie als 23-jährige in das Universum der Aktien, Futures und Optionen gezogen hat und die sie auch heute noch gefangen hält.

Nach Geraint Anderson, der als “City Boy” schmutzige Details über die Exzesse der Finanzbranche veröffentlichte und damit einen Bestseller landete, folgt jetzt Stcherbatcheff alias Suzana S. Unter diesem Namen veröffentlichte sie ihr Buch, mittlerweile gab sie die Deckung auf. Eine ihrer Geschichten, die sie für die Gratiszeitung “The London Paper” schrieb, hatte sie enttarnt.

Sauf- und Raufgeschichten dürfen nicht fehlen

Wenn der Verlag Börsenmedien jetzt nach der Übersetzung von “City Boy” auch die deutsche Fassung von der weiblichen Seite mit dem Titel “Die City. Das Girl. Die Geschichte” herausbringt, erinnert das schon ein bisschen an die alte Filmemacher-Masche, einem erfolgreichen Streifen auf Teufel komm raus einen zweiten Teil hinterherzuschieben. Doch es gibt einfach keinen günstigeren Zeitpunkt als jetzt. Banker-Bekenntnisse erleben eine Konjunktur. Leser, die beim Begriff Bonus schon in Rage geraten, wollen wissen, wie die Spießgesellen ticken, die all das Geld verzockt haben.

Und die Insiderin erzählt davon: Mit Sinn für die Lesererwartung, also dürfen die Stripperinnen- und Saufgeschichten nicht fehlen. Mit Spannung, wenn im Handelssaal die Trader kurz vor dem Kollaps sind. Mit analytischem Geist, wenn sie – zumindest im Ansatz – die Frage nach dem Warum der Kreditblase stellt. Mit ihrem Abschluss in Musik an einer amerikanischen Ostküsten-Universität erkämpfte sie sich 2004  ein Praktikumsjahr in einer Investmentbank im Londoner Bürokomplex Canary Wharf, der neueren und noch schnelleren Börsenwelt neben der alten City.

Dort durchschreitet sie alle Stufen des Bankgeschäfts – von der trägen Atmosphäre im Back-Office, wo sie endlose Zahlenkolonnen addiert, über das Middle-Office, wo sie CDO’s, jene giftigen, immer weiter verpackten Kreditverbriefungen, analysiert, bis hin zum Front-Office, der eigentlichen verrückten City-Welt, wo sie in der Knochenmühle des  Day-Trading zur gewieften Händlerin heranwächst.

Das Ego der Jungs ist Schuld

In dieser Händler-Clique behauptet sich nur, wer einen Teil seiner guten Erziehung vergisst. Geldgier, Sexismus, Rüpeleien beherrschen die Szene. Auf den Parties werden die 1.000-Pfund-Champagner-Flaschen im Dutzend geordert, um am Ende ein paar hilflose Sekretärinnen flachzulegen. Auf dem Parkett rasten Trader aus, der Ton ist vulgär. Es scheint, als müsse maßlos sein, wer in diesem Metier Erfolg haben will. Maßlos bei der Jagd auf den nächsten Bonus, maßlos auch im Umgang mit Kollegen. Risikomanagern schlägt Gelächter entgegen, wenn sie zur Mäßigung auffordern. Auf Back- und Middle-Office blicken die Finanzjongleure mit Verachtung herab, auf alle anderen sowieso.

Ungeklärt die Frage, ob die ungezügelte Obszönität bei Geld und Sex notwendiger Teil eines erfolgreichen Händlertypus sind, oder ob dieser sich selbst überschätzende Lebensstil Ergebnis einer Verherrlichung ist, die in Boomzeiten die Banker in den Status der Masters of the Universe erhob. Einige Antworten versucht Stcherbatcheff. Weil viele Händler nach Gutdünken schalten und walten konnten, so lange die Zahlen stimmten, blieb viel Wissen aus den übrigen Abteilungen ungenutzt.

Einige Schwächen, die die Finanzmärkte in den Jahren ab 2007 nahe an den Abgrund führten, lastet sie auch der männlichen Psyche an. “Männern ist es wichtiger Recht zu haben, als die Wahrheit zu erfahren.” So begehen sie eher einen Fehler doppelt. Das Buch endet mit einem Plädoyer für eine neue, weiblichere City. Inwieweit sie sich mit dem Feminismus-Argument selbst inszenieren möchte, muss offen bleiben. Sie hat ein lesenswertes Buch geschrieben.

Von Toralf Richter

Buchtipp:

Suzana S, Die City. Das Girl. Die Geschichte, Börsenmedien 2009

Cover: Börsenmedien AG

Cover: Börsenmedien AG

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