Dass das Wetter ein Risiko darstellt, weiß jeder, der mit der Familie zwei Wochen Camping-Urlaub bei ausgewachsenem Landregen durchlebt. Während sich aber der quengelnde Nachwuchs mit Pommes beruhigen lässt, verdirbt dasselbe Wetter manchem Bauern einen Großteil der Ernte.
Damit solche Schäden abgefedert werden, bietet die Finanzindustrie Lösungen – zum Beispiel so genannte Wetterderivate. Der Begriff klingt kurios, doch die Funktionsweise ist logisch.
Ein Weizenbauer kann zur Erntezeit Mitte bis Ende August Dauerregen und Gewitter überhaupt nicht gebrauchen. Das Nass von oben bedeutet für ihn einen geringeren Hektarertrag und einen niedrigeren Preis, weil die Qualität schlechter wird.
Angenommen, er muss für jeden verregneten Tag mit einem Verlust von 10.000 Euro rechnen. Dann kann er, um das Risiko auszugleichen, ein Wetterzertifikat kaufen. Regnet es an einem Tag mehr als fünf Millimeter, dann erhält er seine Einbuße ausgezahlt. Dieses Zertifikat kostet einen Bauern in der Gegend von Bremen etwa 20.000 Euro pro Erntesaison, dafür muss er aber die ersten vier Regentage selbst durchstehen ohne Kompensation. Im Extremfall steigt die Auszahlung auf 100.000 Euro.
Wetterzertifikate sind ein Weg, das Wetterrisiko auf den Herausgeber des Zertifikats zu verlagern. Einer der Anbieter ist die Schweizer Firma CelsiusPro. Die Zertifikate sind als Finanzinstrument ausschließlich an die Witterung gebunden. Regnet es eine bestimmte Menge oder wird eine festgelegte Temperatur unter- oder überschritten, zahlt der Anbieter.
CelsiusPro arbeitet bei seinen Zertifikaten mit dem Schweizer Rückversicherer Swiss Re zusammen. Das Versicherungsunternehmen übernimmt das Ausfallrisiko – ebenfalls in Form von Derivaten, die es an CelsiusPro verkauft. Die Anbieter müssen natürlich sehr erfahrene Wetterfrösche sein, die alle entscheidenden historischen Wetterdaten exakt auswerten und die Klimatrends beobachten. Nur so können sie für eine realistische Prämie ihre Zertifikate anbieten.
Viele Unternehmen haben ein Wetterrisiko, und vielen ist es nicht bewusst. Bauunternehmen können bei bestimmten Kältegraden nicht arbeiten. Obstbauern darf während der Blütezeit der Frost keinen Strich durch die Rechnung machen. Open-Air-Veranstalter fürchten Einnahmeverluste bei Dauerregen. Betreiber von Solarparks brauchen eine bestimmte Sonnenscheindauer. Für solche und andere Kalamitäten gibt es Wetterderivate.
Bauern kennen eine ähnliche Form der Absicherung gegen Witterungsunbilden schon seit Jahrhunderten. Für etwa acht Millionen Hektar Anbaufläche besteht in Deutschland ein Hagelversicherung. Die Versicherung unterscheidet sich jedoch dadurch, dass sie im Schadenfall zahlt und nicht bei bestimmten Wetterereignissen.
Derweil hoffen wir auf einen Sommer, der keine Wünsche offen lässt. Der Camperfamilie aus dem Anfangsbeispiel hilft ein Wetterderivat übrigens nicht viel. Denn der Anbieter kann logischerweise nur eine Ausgleichszahlung liefern, aber nicht die Sonne scheinen lassen.
tr

